Bestandsaufnahme Gurlitt

Der NS-Kunstraub und die Folgen

Sonderausstellung in der Bundeskunsthalle Bonn
3. November 2017 bis 11. März 2018
Vier Jahre nach der Beschlagnahmung der Kunstbestände von Cornelius Gurlitt im spektakulären „Schwabinger Kunstfund“, zeigen die Bundeskunsthalle Bonn und das Kunstmuseum Bern parallel laufende Ausstellungen, welche erstmals Werke aus der Sammlung der Öffentlichkeit präsentiert. Von den über 1.200 Werken werden ab 3. November 2017 in Bonn und ab 2. November 2017 in Bern circa 450 Werke präsentiert.

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Beide Häuser lassen ihre Ausstellungen unter dem Überbegriff „Bestandsaufnahme Gurlitt“ laufen. Bern beschäftigt sich dabei mit dem Aspekt und Teilkonvolut von Kunstwerken, die vom nationalsozialistischen Regime beschlagnahmt und veräußert wurde. Der Titel „Entartete Kunst“ wurde für die Ausstellung im Kunstmuseum Bern, dem Alleinerben von Cornelius Gurlitts Kunstbesitz, in Anlehnung an die Kunstausstellung verfemter Kunst im Sommer 1937 in München gewählt. Bonn nimmt hingegen – gemäß seinem Titel – den „NS-Kunstraub und seine Folgen“ unter die Lupe. Hierbei wird Kunst gezeigt, die durch die nationalsozialistische Herrschaft den rechtmäßigen Besitzern entzogen wurde und bei der die Herkunft noch nicht geklärt ist.

Die Bundeskunsthalle in Bonn widmet sich mit über 250 Exponaten in fünf zeitlichen Abschnitten dem Erbe Cornelius Gurlitts hinsichtlich des Werdegangs und Kaufverhaltens seines Vaters Hildebrand Gurlitt sowie den auferlegten Regeln und Gesetzen der NS-Kulturpolitik. Eingebettet in einem historischen und kunsthistorischen Kontext, werden die Kunstwerke mit Hinblick auf ihre Provenienz und hinsichtlich des aktuellen Forschungsstands gezeigt. Gleichzeitig gilt es auch die Möglichkeit zu wahren über die Veröffentlichung der Werke und des aktuellen Standes weitere Hinweise für offene Provenienzen zu erhalten.

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Besucher können bisher nicht öffentlich ausgestellte Arbeiten wie Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen im Ausstellungsrundgang erleben. Zu den Künstlern zählen dabei u.a. Max Beckmann, Jan Brueghel d. J., Gustave Courbet, Albrecht Dürer, Edgar Degas, Otto Dix, Conrad Felixmüller, George Grosz, Oskar Kokoschka, Adolph von Menzel, Claude Monet, Edvard Munch, Auguste Rodin, Paul Signac sowie Utawaga Toyohiro.

Die Ausstellung schafft Transparenz in das umfangreiche Werkkonvolut, welches so lange geheim gehalten wurde. Nebenbei wird die Restitution von NS-Raubkunst in Deutschland wieder in den Vordergrund gerückt. Die Provenienzforschung erfährt durch die Entdeckung der Sammlung einen neuen Anstoß. Das Bewusstsein für die moralische Verpflichtung im heutigen Umgang mit Raubkunst wird geweckt.

Die Ausstellung wird ab September 2018 im Martin-Gropius-Bau Berlin gezeigt. Außerdem gibt eine eigens veröffentlichte Publikation einen Einblick in die Arbeit des Falls Gurlitt.

Highlights der Ausstellung
Der Ehrenhof des Düsseldorfer Kunstpalasts, 1938
Kunst im Nationalsozialismus

Warum war Kunst im Nationalsozialismus unter Adolf Hitler so wichtig? Klar, entsprechend seinem persönlichen Interesse und der zweimaligen Ablehnung an der Akademie der Künste in Wien, ist Kunst für ihn ungemein wichtig und ein Identifizierungspunkt. Dementsprechend baut er sich seine eigene Kunst- und Kulturwelt, die er nun beeinflussen kann. Die Kunst, die für Hitler als nicht nordisch genug gilt, wird den Museen entzogen sowie jene Werke, die von Künstlern mit jüdischem Familienhintergrund stammten. Passend ist hingegen Kunst, welche an die Natur angelehnt ist und der antiken Tradition entspricht. Inspiriert von König Friedrich II., dem Vorbild Hitlers, waren die großen Künstler des Barock und Rokoko und zudem Hans Markart und Carl Spitzweg Hitlers Favoriten. Unter dem sogenannten Führervorbehalt wurde Hitler ab 1938 jedes einzelne Kunstwerk gezeigt, wobei dieser entschied, welches verkauft wurde. Entsprechend arbeitete Hitler auch durch mithilfe des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt an einem „Sonderauftrag“, einem eigenen Kunstmuseum in Linz.

Die Sammlung Gurlitt

Cornelius Gurlitt (1931-2014), dem Erben der Sammlung seines Vaters Hildebrand Gurlitt (1895-1956), scheint die Sammlung wie eine Last auf den Schultern gelegen zu haben. Zurückgezogen und von einzelnen Verkäufen lebend, hielt er die Sammlung an seinen Wohnorten in München und Salzburg geheim, bis diese 2012 beschlagnahmt wurden. Hildebrand Gurlitt, selbst Kunsthistoriker und zunächst Leiter des König-Albert-Museums in Zwickau und später des Hamburger Kunstvereins, stieß an die Grenzen der Gesellschaft als er für den Expressionismus und die Avantgarde einstand. Er wurde zur Amtsniederlegung gezwungen. Mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus wechselte er die Seiten und half dabei die nun als „Entartete Kunst“ deklarierten Werke ins Ausland zu verkaufen. Ausgezeichnet vernetzt in der Welt der Kunst, profitiert Gurlitt von den Gesetzten der NS-Herrschaft, die jüdische Händler und Kunstsammler aus dem System drängen. Für den „Sonderauftrag Linz“ war Hildebrand Gurlitt ab 1943 als Chefeinkäufer tätig und erstand in einer Zeit von knapp drei Jahren über 300 Werke im Werk von 9,8 Millionen RM. Seine eigene Sammlung konnte er nach Ende des Zweiten Weltkriegs größtenteils behalten, da er bezüglich Provenienzen und Herkunft log.

Die Sammlung Gurlitt umfasst neben Gemälden und Skulpturen vor allem Arbeiten auf Papier, wie Grafiken und Zeichnungen. Das Einbehalten und der Kauf von bevorzugt kleineren Grafiken geht auf die leichte Transportierbarkeit zurück. Inhaltlich besteht die Sammlung aus unterschiedlichen Epochen, Stilrichtungen und Gattungen. Die unklare Linie im Sammlungskonzept lässt sich ganz einfach durch das Marktgeschehen und die Marktlage erklären.

Porträtfoto
Hildebrandt Gurlitt, 1926
Provenienzforschung heute
Initial gründete sich nach dem Fund der Kunstwerke die Taskforce Schwabinger Kunstfund im November 2013. Die Intention der Taskforce war es, besonders die Werke zu untersuchen, die zwischen 1933 und 1945 den rechtmäßigen Eigentümern entzogen worden sein könnten. Daraufhin wurden die Kunstwerke auf lostart.de veröffentlicht. Die Lost Art-Datenbank erfasst Kulturgüter, die während der NS-Herrschaft verfolgungsbedingt entzogen – NS-Raubkunst –, verbracht oder verlagert – Beutekunst – wurden. Hierbei handelt es sich meist um Kunstwerke, die Provenienzlücken aufweisen. Die Datenbank stellt den Grundstein für die Suche und Rückführung von Kunstwerken an rechtmäßige Erben. Nach Beendigung der Taskforce Ende 2015 wurde das Projekt „Provenienzrecherche Gurlitt” vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste weitergeführt – in Kooperation mit der BRD, dem Freistaat Bayern und Cornelius Gurlitt. Das Kunstmuseum Bern wurde 2014 nach Gurlitts Tod als Erben eingesetzt, wobei nur Kunstwerke in die Schweiz gehen, deren Provenienz eindeutig geklärt ist. Von den über 1.200 gefundenen Kunstwerken sind viele Provenienzen noch ungeklärt, dennoch wurden bis jetzt sechs Kunstwerke als NS-Raubkunst identifiziert.

Bildnachweise:

Kunstfotografien
Foto: David Ertl
© Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH

Ausstellungsansichten
Foto: David Ertl, 2017
© Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH